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Helge Lien Trio


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Helge Lien Trio 2020

Improvisation im Quadrat

Jazz ist die Kunst des Improvisierens. Genau davon kündet “Revisited”. Die neun darauf enthaltenen Helge-Lien-Klassiker wurden nämlich unter erhöhtem Schwierigkeitsgrad eingespielt: Nach dem Abschied von seinen langjährigen Weggefährten Frode Berg (nach “Guzuguzu”) und Per Oddvar Johansen (nach “10”) musste Lien während der Pandemie live und im Studio die Formation komplett neu aufbauen – Improvisation im Quadrat sozusagen. Beim Einproben und Performen des Repertoires entstanden so Interpretationen zwischen Rückblick und Aufbruch – keine Revolution, sondern leidenschaftliches Musizieren unter dem Mikroskop. “Revisited” ist ein Hybrid: Aus Studio- und Konzert-Aufnahmen, die zu einem eigenständigen, fünfzigminütigen Werk verschmelzen. Doch das Publikum hört man gar nicht, und die Studio-Aufnahmen klingen bei aller akustischen Brillanz so lebendig, als seien sie auf der Bühne entstanden. Bevor sie ihr Konzert beim Anjazz Festival im Oktober 2020 mitschnitten, hatten sich die Musiker bereits im März in die Toyen Kirche in Oslo für intime Sessions zurückgezogen. So entsteht ein spannender Diskurs nicht nur zwischen der neuen Besetzung und der alten – sondern auch die Dokumentation eines Trios, das in sehr kurzer Zeit zueinander finden musste.

Gelungen ist es aber, und zwar sicherlich auch deshalb, weil nur Bassist Johannes Eick einen waschechten Neuzugang darstellt. Knut Aalefjær hingegen saß bereits in der ersten Version des Trios in den frühen 2000ern hinter dem Schlagzeug. Es ist, als sei er nie weg gewesen: “Gamut Warning”, bei dem Lien fließende Pianokaskaden über einen federnden Drum’n’Bass-Groove ausschüttet, kommt sogar noch eine Spur runder und weicher daher als auf “Hello Troll”. Und auf “Jasmine”, der zentralen Komposition auf “Guzuguzu”, beackern die neuen Begleiter zwar vertraute Gefilde, erweitern dabei aber spürbar die dynamische Palette.

Das alles passt zu Helge Liens aktuellem Improvisationsansatz. Während er 2001 beispielsweise Miles Davis‘ “So What” auf seinem Debüt “What are you Doing the Rest of your Life” noch gnadenlos umdeutete, richtet sich sein Fokus gerade in den letzten Jahren vornehmlich auf einen atmosphärischen, präzise eingetakteten Gruppenklang, aus dem heraus er scheinbar beiläufig seine gleißenden Klavierläufe entwickelt. Einen doppelten Boden gibt es hier nicht, denn Improvisation findet stets am Rande des Scheiterns statt. Und genau damit kennt sich Lien in jeder Hinsicht bestens aus.

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